Link verschicken   Druckansicht öffnen
 

Stettiner Bitter ausführliche Geschichte

Stettiner Bitter, ©Stephan Becker, Brüssow

Beim Stettiner Bitter handelt es sich um eine Erfindung des Königlichen Hofapothekers, Garnisonsapothekers, Chemikers und Medicinalassessors Johann Carl Friedrich Meyer zu Alten-Stettin, Pommern (ehemaliger alter Stadtkern von Stettin) aus dem Jahre 1780.

Meyer war einer der herausragendsten Deutschen Wissenschaftler seiner Zeit und war nicht nur auf dem Gebiet der Pharmazie tätig, sondern forschte auch im medizinischen, botanischen, chemischen und mineralogischen Bereich. Er war Inhaber der Hof- und Garnisonsapotheke in Stettin und war neben seinen Forschungen auch politisch, berufspolitisch und als Schriftsteller tätig.

 

Johann Carl Friedrich Meyer wurde am 17.10.1739 in Stettin als Sohn des Stettiner Hofapothekers und Medizinalassesors Johann Michael Meyer (1695-1759) und der Maria Elisabeth Werneberg (1707-1747), Tochter des Berliner Apothekers Wilhelm Werneberg (1672-1717) und Besitzers der Polnischen Apotheke in Berlin-Dorotheenstadt geboren.

Nach erlebter glücklicher Kindheit begann er eine Lehre bei seinem Vater Johann Michael Meyer, welcher wie schon dessen Vater Johann Heinrich Meyer Besitzer der Stettiner Hof- und Garnisonsapotheke war. Diese befand sich in Alten-Stettin in der Schuhstrasse 623 - später Schuhstrasse 27/28 (heute Ulica Szewska).

Ab dem Jahre 1757 studierte er an der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin unter dem berühmten Deutschen Chemiker Andreas Sigismund Marggraf und vertiefte dort seine chemischen Kenntnisse.

Hofapotheker Karl Friedrich Meyer, ©ÖNB/Wien, Signatur 110288, Portraitsammlung Inventarnummer: oai:baa.onb.at:7704636

1759 wechselte er an die Universität Uppsala in Schweden, wo er ein weiteres Jahr unter dem berühmten Schwedischen Chemiker, Mineralogen, Mathematiker und Botaniker Torbern Olof Bergmann studierte. An der Universität Uppsala nahm er auch an mehreren Vorlesungen des Schwedischen Naturforschers Carl von Linné teil. In dieser Zeit konnte sich Meyer ein reichhaltiges, botanisches und mineralogisches Wissen aneignen. Meyer stand in regem Kontakt zu anderen Forscherkollegen, wie z.B. dem Stralsunder Apotheker und Chemiker Carl Wilhelm Scheele, welcher sich seit 1757 auch in Schweden aufhielt.

Nach seinem erfolgreich abgeschlossenen Studium kam Johann Carl Friedrich Meyer im Jahre 1760 nach Stettin zurück und übernahm dort die Hof- und Garnisonsapotheke seines Vaters, welcher 1759 gestorben war. Die Apotheke befand sich in der Schuhstraße 28 in Stettin.

Professor Carl von Linné, ©ÖNB/Wien, Signatur AT-UAW/135.374, Portraitsammlung

Wie auch andere Apotheker zu dieser Zeit, hatte Meyer einen enormen Wissensdrang und war nicht nur mit der Leitung seiner Apotheke beschäftigt, sondern stellte weitere umfangreiche Forschungen an und veröffentlichte mehr als dreißig wissenschaftliche Studien im laufe seines Lebens, welche in den „Chemischen Annalen für die Freunde der Naturlehre, Arzneygelährtheit, Haushaltungskunst und Manufacturen“ abgedruckt wurden. Auch nach seiner Wiederkehr nach Stettin hielt er im Zuge seiner Forschungen immer noch engen Kontakt zu Schwedischen Forschern, insbesondere zu seinem ehemaligen Professor Carl von Linné.

Er verhalf dadurch auch weiteren schwedischen Forschern zu mehr Berühmtheit in Deutschland.

 

Durch seine vielfältigen Kontakte und wissenschaftlichen Veröffentlichungen kam er in den Genuss der Mitgliedschaft in verschiedenen Vereinigungen.

Unter anderem war er seit 1773 Mitglied der Gesellschaft Naturforschender Freunde in Berlin, seit 1775 Mitglied des Pommerschen Medizinalkollegiums, seit 1781 Mitglied der Leopoldina (Leopoldinisch-Carolinische Deutsche Akademie der Naturforscher), seit 1782 Mitglied der Wissenschaftlichen Akademie Stockholm, seit 1788 Mitglied der Königlich-Preußischen Akademie der Wissenschaften in Berlin, sowie seit 1788 Ehrenmitglied der Kaiserlich-Russischen Akademie der Wissenschaften in Sankt Petersburg.

 

Er setzte sich standespolitisch sehr für den Apothekerstand ein und forderte eine wissenschaftliche Hochschulausbildung für den Beruf des Pharmazeuten. Außerdem kämpfte er für eine selbstständige Stellung gegenüber den Ärzten und für eine gerechtere Bezahlung der Apothekerschaft.

Im Jahre 1811 saß Meyer in der Funktion als Landesdeputierter (Abgeordneter Volksvertreter) für Pommern im allgemeinen Landtag von Berlin.

Im Laufe seines Lebens legte er reichhaltige Pflanzensammlungen und Mineraliensammlungen an und züchtete seltene Pflanzen in seinem Garten.

Diese Naturaliensammlungen waren weit über die Grenzen Pommerns bekannt und waren Anziehungspunkt für viele Wissenschaftler und interessierte Besucher.

Hofapotheker Karl Friedrich Meyer, ©ÖNB/Wien, Signatur 110286, Portraitsammlung Inventarnummer: oai:baa.onb.at:7704624

In der Zeit bis 1780 gab es in Pommern keine Likörfabriken von der Größe und Berühmtheit der Danziger oder Breslauer Hersteller. Die in Pommern benötigten Liköre mussten also aus Preußen oder Schlesien importiert werden. Meyer arbeitete mehrere Jahre daran, die berühmten Getränke der großen Danziger und Breslauer Fabriken nachzuahmen. Im Jahre 1780 war es dann endlich soweit und Meyer konnte seiner Majestät, Friedrich dem Großen, mit Stolz verkünden, dass es ihm endlich gelungen war, die berühmten Likörspezialitäten der großen Likörfabriken mit einheimischem Kornbranntwein nachzumachen. Er war auch in der Lage, diese so zu fertigen, dass sie den Originalen in der Qualität um nichts nachstanden.

 

Subventioniert durch die staatliche Unterstützung seines Königs errichtete Meyer in Stettin im Jahre 1780 eine Likörfabrik, in welcher nun Danziger, Breslauer, Französische Liköre und auch Franzbranntwein hergestellt wurden.

Seine Königliche Majestät Friedrich der Große unterstützte Meyer bei seinem Vorhaben, Likörfabriken in mehreren großen Städten zu errichten, mit weiteren finanziellen Zuschüssen, damit die damals in Pommern benötigte Likörmenge nicht länger aus Preußen und Schlesien importiert werden musste. Nach damaliger Gesetzgebung durfte etwas, was im eigenen Lande hergestellt werden konnte, nicht länger eingeführt werden. Mit Hilfe der königlichen Unterstützung gelang es dem Apotheker Meyer in den Jahren 1782 bis 1786 die beachtliche Menge von 38.000 Litern pommersche Liköre herzustellen und zu verkaufen. Er erhielt abermals weitere königliche Zuschüsse um den Bedarf der ganzen Provinz zu decken und um seinen Fabrikaten auch im Ausland Absatz zu verschaffen. 1796 hatte seine Likörfabrik in Stettin 15 Angestellte.

 

Da Meyer aufgrund seiner hervorragenden chemischen und botanischen Kenntnisse auch führend in der Geheimmittelanalyse war, gehörte er zu einer der wenigen Personen, die sich zu dieser Zeit mit pflanzlichen Bitterstoffen befassten. Noch vor 1780 muss es ihm gelungen sein, Bitterstoffe in verschiedenen Pflanzen zu identifizieren, deren medizinische Bedeutung zu erkennen und sein Wissen kommerziell umzusetzen.

Im Sortiment der damaligen etablierten Likörhersteller gab es zwar verschiedene Magenliköre, jedoch handelte es sich bei diesen durchweg um Destillate.

Meyer schien zu erkennen, dass die magenwirksamen Bitterstoffe, welche eine verdauungsfördernde und appetitanregende Wirkung auf den Körper haben, durch den und Erhitzungs- / Destillationsvorgang kaputt gehen beziehungsweise nicht übertragen werden, und dass deshalb eine andere Verarbeitungsmethode angebracht sei.

 

Im Zuge der Eröffnung seiner Likörfabrik in Stettin im Jahre 1780 brachte Meyer mit dem Stettiner Bitter Likör den ersten deutschen, jemals fabrikmäßig hergestellten und kommerziell vertriebenen Magenlikör auf den Markt. Keine zwanzig Jahre später war die Entwicklung so weit vorangeschritten, dass Meyer folgend viele Apotheker ihre eigene Magenlikörkreation auf den Markt brachten. Als sich dann nach 1800 viele neue Likörfabriken in Deutschland etablierten, waren Bitterstoffliköre nicht mehr aus dem Sortiment wegzudenken. Obwohl zwar schon im Mittelalter die Bedeutung der Bitterstoffe bekannt war, ist dem Apotheker Meyer mit der Erfindung des Stettiner Bitterlikörs die allgemeine Verbreitung zu verdanken.

 

Seine im Jahre 1783 in den „Beschäftigungen der Berlinischen Gesellschaft naturforschender Freunde, Band 4“ veröffentlichte „Anleitung zur künstlichen Bereitung des Selzerswasser“ bildete die Grundlage für den Aufbau einer weiteren Fabrik mit staatlicher Unterstützung, in welcher dann seit 1795 künstliche Mineralwässer produziert wurden. Nach dem Tode Meyers wurde die Mineralwasserfabrik von dessen Nachfolger, dem Apotheker Thiemann nicht mehr fabrikmäßig weiter betrieben und ging ein.

 

Im Jahre 1765 heiratete Meyer in Nürnberg Maria Susanne Breuer, Tochter des Nürnberger Apothekers und Naturforschers Johann Ambrosius Breuer, welche aber leider 1785 in Stettin starb. Am 02.07.1767 wurde sein Sohn Heinrich Meyer in Stettin geboren, welcher nicht nur den Beruf des Apothekers erlernte, sondern auch Medizin studierte. Heinrich Meyer arbeitete nicht weiter in der väterlichen Apotheke, so dass diese 1805 an einen aus Berlin kommenden Apotheker verkauft wurde.

Die Likörfabrik wurde ebenfalls verkauft und zwar im Jahre 1803 an den Sohn der Schwester von Carl Friedrich Meyer.

 

Als sich Meyer auf einer Reise nach Berlin zur Eröffnung der Landes-Deputiertenversammlung befand, starb er währenddessen an einem Gehirnschlag am 20.02.1811 in Berlin und wurde am 24.02.1811 in Halle beigesetzt.

nach oben
Neuigkeiten